Nordic Awareness · Leseprobe

Nordstern

Greifen.

Kapitel 1 · Nordic Awareness — Zwischen Reiz und Reaktion

Was passiert in dem Moment — bevor wir reagieren?

Mike Trepte · März 2026

14. März 2026 · Tromsø · 20:30 Uhr

Meine Frau und ich sitzen auf einer Bank an der Südspitze der Insel. Sonst niemand. Ein paar hundert Meter entfernt: Kameras, Handys, Selfies vor den Nordlichtern. Wir hatten uns bewusst abseits gesetzt.

Dann kamen die Lichter.

Zuerst ein Schleier. Dann ein Band. Ruhig, fast schwerelos. Grün, mit einem Ton, der sich nicht genau beschreiben lässt.

Ich habe nicht fotografiert. Nicht bewertet. Einfach zugeschaut.

Irgendwann waren die Gedanken weg. Nicht plötzlich. Eher so, als hätten sie ihre Bedeutung verloren.

Was blieb, war eine Stille, die ich so nicht kannte.

Ich liebe Schimpansen. Das klingt nach einer merkwürdigen Eröffnung für ein Kapitel über einen der grundlegendsten menschlichen Reflexe. Aber bleib kurz dabei.

Im Zoo passiert zur richtigen Zeit am richtigen Gehege etwas Bemerkenswertes. Die kleinen Racker ärgern ihre Eltern. Die Geschwister jagen sich. Einer hängt am Seil, ein anderer schaukelt sich an den Ästen hoch, ein dritter springt von Ast zu Ast, und keiner bleibt auch nur für eine Sekunde still.

Jeder Ast ist ein Anlaufpunkt. Und kein Affe bleibt.

Es gibt einen Begriff aus der Meditationslehre, der genau das beschreibt: Monkey Mind. Das Gehirn. Unruhig. Sprunghaft. Von Gedanke zu Gedanke, von Ast zu Ast, ohne Pause.

Stell dir vor, du sitzt am Rand eines Waldes. In diesem Wald tummeln sich Affen, Dutzende von ihnen. Jeder Affe ist ein Gedanke. Manche springen schnell, manche langsam. Manche schreien, manche sitzen kurz still. Aber keiner bleibt wirklich.

Und der Wald — das bist du.

Das Ziel der Meditation wäre es, dass die Affen zur Ruhe kommen. Nicht, dass du sie vertreibst. Nicht, dass du sie einsperrst. Sondern dass sie zur Ruhe finden. Und du dann, in dieser Stille, den Wald in seiner Gänze wahrnehmen kannst. Das Licht zwischen den Blättern. Den Boden unter dir. Den Himmel oben.

Das klingt schön. Und wer sich einmal ernsthaft damit beschäftigt hat, kennt den nächsten Satz bereits:

So einfach ist es nicht.

Seit 2018 sitze ich auf einem Meditationskissen. Jeden Morgen. Gut gemeint. Diszipliniert. Mit allen Techniken, die Bücher, Kurse und Apps anbieten. Und die Affen? Die schrien lauter als je zuvor. Was kaufst du heute noch ein? Hast du die Nachricht beantwortet? Was ist mit dem Termin nächste Woche? Wann rufst du zurück? Hast du genug gemacht? Reicht das? Bist du genug?

Acht Jahre. Und dann, irgendwann, wurde klar, was das eigentliche Problem war. Es war nicht die Technik. Es war nicht das fehlende Talent. Es war das Greifen selbst. Das Festhalten an der Idee, dass Meditation so und nicht anders funktionieren muss. Die Erwartung als Falle.

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Die Banane in der Kokosnuss, wenn man so will. Vielleicht kennst du diese Geschichte. Eine alte Fangmethode aus Teilen Asiens und Afrikas: Man nimmt eine Kokosnuss. Bohrt ein Loch hinein, gerade groß genug für eine Affenhand. Und legt eine Banane hinein.

Der Affe kommt. Greift hinein. Umschließt die Banane mit der Faust. Und kann die Hand nicht mehr herausziehen. Nicht wegen des Lochs. Sondern wegen der Faust. Wegen des Festhaltens.

Er könnte loslassen. Die Banane loslassen, die Hand herausziehen, frei sein. Er tut es nicht.

Wir lachen über den Affen. Und erkennen uns.

Gedankenexperiment

Stell dir einmal vor, nur kurz als Gedankenexperiment, du hältst gerade eines der letzten Exemplare dieses Buches in den Händen. Keine weitere Auflage. Kein Nachdruck. Was auf den nächsten Seiten steht, wäre für dich verloren, wenn du es jetzt weglegen würdest.

Spürst du es?

Dieses leichte Zögern vielleicht. Eine kaum wahrnehmbare Enge. Ein kurzes: warte mal.

Ich kann dich beruhigen: Das ist nicht das letzte Exemplar. Dein System, gebaut für die Savanne und nicht für Buchhandlungen, reagiert in Millisekunden. Nicht auf eine echte Bedrohung. Auf ein paar Worte auf einer Seite.

Das nennt sich Fear of Missing Out. FOMO. Die Angst, etwas zu verpassen. Sie treibt uns zu Veranstaltungen, die wir eigentlich nicht brauchen. Sie lässt uns Angebote kaufen, die wir nicht wollten, bis jemand das Wort begrenzt danebenschrieb. Sie ist schnell. Schneller als jeder Gedanke.

Was hältst du gerade fest?

Nicht rhetorisch. Was ist deine Banane? Vielleicht ist es ein Gedanke, den du immer wieder denkst. Eine Geschichte über dich, die du seit Jahren erzählst: Ich bin so. Das war schon immer so. So funktioniert das bei mir nun mal. Vielleicht ist es ein Bild von dir selbst — als Beschützer, als Versorger, als der Ruhige, als die Starke — das mehr Gewicht trägt als du.

Oder, das Paradoxeste von allem, vielleicht ist es die Idee, dass du endlich loslassen solltest. Ruhiger werden. Ankommen. Meditieren lernen. Das Greifen selbst ist das Problem. Nicht das Ziel.

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Der Psychologe Daniel Kahneman hat unser Denken in zwei Systeme aufgeteilt: ein schnelles und ein langsames. Das schnelle System reagiert automatisch, ohne zu fragen, ohne zu prüfen. Es greift, bevor das langsame auch nur die Frage stellen kann, ob Greifen gerade sinnvoll ist. Zwischen dem Reiz und deiner Reaktion liegt oft weniger als eine Sekunde.

Du entscheidest nicht bewusst, ob du greifst. Du stellst fest, dass du es bereits getan hast. Das ist kein Charakterfehler. Es ist Biologie. Und wer das einmal wirklich verstanden hat, hört auf, sich dafür zu verurteilen.

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Ich beobachte Greifen in seinen feineren Formen, oft in Führungskräfteseminaren. Menschen, die eine Führungsrolle nicht deshalb übernommen haben, weil sie führen wollen, sondern weil hinter der Rolle etwas anderes wartet. Der Firmenparkplatz. Der nächste Gehaltssprung. Der Titel auf der Visitenkarte. Und dahinter die nächste Sprosse, und die nächste.

Ich sage das ohne Urteil. Ich habe selbst diese Sprossen erklommen: Führungsausbildung bei der Bundeswehr, dann die Industrie, Projektleiter, Produktmanager, irgendwann der Schritt in die Selbständigkeit. Was ich dabei gelernt habe: Die Karriere, die trägt, entsteht nicht auf dem Rücken anderer. Sie entsteht durch andere.

Aber das Greifen nach Status — das ist dieselbe Kokosnuss. Nur in Anzug und Krawatte.

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Stell dir noch ein anderes Bild vor. Ein Mensch steht in einem reißenden Fluss. Das Wasser rauscht vorbei. Die Strömung ist stark. Und er hält sich an einem Baum fest, der aus dem Ufer ragt. Er klammert sich. Beide Hände. Knöchel weiß.

Er hält sich für klug. Festhalten ist der Instinkt: Wenn Gefahr ist, halte dich fest. Aber er ist nicht in Gefahr. Er ist in einem Fluss.

Und Flüsse sind dazu da, um getragen zu werden.

2007 haben wir, meine Frau und ich, unsere erste Buchhandlung übernommen. Die Buchhandlung unibuch in Kassel war der Anfang. Was wir nicht wussten: Die Konkurrenz schläft nicht. Diese Konkurrenz war Amazon. Der Fluss wurde schneller. Also haben wir gegriffen. Die nächste Buchhandlung. Die übernächste. Expansion. Kredite. Wachstum. Dreizehn Jahre lang. Ein leises Rauschen, das nie ganz aufhörte.

Festhalten. Beide Hände. Knöchel weiß.

Nach dreizehn Jahren war der Tag da.

Schuldenfrei.

Kein Feuerwerk. Eher ein tiefes, stilles Ausatmen.

2021 haben wir die Buchhandlungen verkauft. Nicht weil wir mussten. Nicht weil wir als Unternehmer gescheitert waren. Wir haben aus einer Position der Stärke entschieden loszulassen. Was uns bewogen hat, war das Bedürfnis nach einer Freiheit, die ein Unternehmer schlicht nicht hat: Zeit. Freie Zeit. Raum zum Durchatmen.

Manchmal muss man greifen, um irgendwann nicht mehr greifen zu müssen. Das ist kein Widerspruch. Es ist Realität.

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In meiner Coachingausbildung hat unser Trainer einmal eine nackte Holzfigur hereingetragen. Ein Neugeborenes, geschnitzt aus hellem Holz. Wir durften Post-its drankleben. Alle Erwartungen, Attribute, Ansprüche, die das Leben an uns stellt. Du musst pünktlich sein. Du musst loyal sein. Du musst stark wirken. Du musst erfolgreich sein. Du musst dazugehören.

Schicht für Schicht. Erwartung für Erwartung. Bis das Baby kaum noch zu sehen war.

Darunter liegt noch immer das freie, neugierige, klare Wesen, das wir einmal waren. Das ist keine romantische Überhöhung. Das ist einfach wahr.

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Greifen ist nicht dein Fehler. Es ist älter als jede Gesellschaft, die je gebaut wurde.

Das Gehirn, das du heute trägst, ist im Wesentlichen dasselbe wie vor zehntausend Jahren. Es kennt Hunger. Es kennt Bedrohung. Es kennt Verlust. Und es kennt das Einzige, das in solchen Momenten helfen konnte: Greifen. Die Welt hat sich verändert. Das System dahinter nicht. Das macht das Greifen nicht falsch. Es macht es erklärbar.

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Du erinnerst dich vielleicht an die Nacht aus dem Prolog. Tromsø. März 2026. Die Südspitze der Insel. Die Nordlichter entstehen, wenn geladene Teilchen der Sonne auf die Atmosphäre unserer Erde treffen. Das ist Physik. Messbar. Real. Und trotzdem so weit außerhalb dessen, was der Verstand greifen kann, dass er irgendwann aufhört, es zu versuchen.

Und genau dort, wo der Verstand aufhört zu greifen, entsteht Stille.

In dieser Nacht hat die äußere Natur etwas in der inneren Natur berührt. Das Große draußen — das Wasser, das Licht, die Kälte, die Weite — hat das Kleine drinnen gefunden. Und das Kleine drinnen wurde ruhig.

Körperlich war etwas, das ich seit Jahren mit mir getragen hatte, leichter. Nicht weg. Aber leichter. Weniger Gewicht auf den Schultern. Das Herz: Ich trage eine alte Metapher in mir. Mein Herz als Burg. In dieser Nacht am Fjord waren die Mauern ein Stück niedriger. Das Tor stand einen Spalt weit auf.

Und der Verstand: keine Wolken mehr. Nur Himmel. Die Affen im Wald fanden zur Ruhe. Nicht durch Kampf oder Technik. Weil kein Ast mehr nötig war.

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Loslassen. Das Gegenteil von Greifen. Und es klingt einfacher, als es ist. Weil Loslassen in unserer Sprache wie eine Handlung klingt. Als wäre da eine Faust, und du öffnest sie einfach.

Aber Kahneman weiß es besser. Menschen empfinden Verlust stärker als Gewinn — nicht ein bisschen stärker, sondern deutlich stärker. Was das für den Affen bedeutet: Der Gedanke, die Banane zu verlieren, wiegt emotional schwerer als der Gedanke, die Freiheit zu gewinnen. Auch wenn die Freiheit objektiv wertvoller ist. Auch wenn er das, in einem tieferen Teil von sich, längst weiß.

Loslassen ist kein Tun. Es ist ein Aufhören.

Man kann Loslassen nicht erzwingen. Man kann nur die Bedingungen schaffen, unter denen es vielleicht entsteht. Weniger Druck. Mehr Raum. Weniger Wollen. Mehr Wahrnehmen.

Und dann, das ist mein schönstes Bild für das Ende dieses Kapitels: Die Hand aus der Kokosnuss ziehen. Die Banane fallenlassen. Sich nach hinten fallen lassen in den reißenden Fluss. Dem Fluss einfach vertrauen.

Vielleicht trägt er dich dorthin, wo du nie hingegriffen hättest. Vielleicht treibst du irgendwann an eine Bananenplantage vorbei. Und dann hast du so viele Bananen, dass du sie gar nicht mehr zählen kannst.

Nicht mehr greifen müssen. Das ist vielleicht alles.

Einladung · Nicht Aufforderung

Setz das Buch kurz ab, wenn du möchtest. Oder lies weiter und spür einfach mit.

Körper zuerst. Was macht gerade dieses Kapitel körperlich mit dir? Irgendwo ein leichtes Ziehen? Eine Enge? Schultern, die sich hochziehen — oder loslassen?

Herz danach. Was bewegt sich in deiner Emotionswelt? Resonanz? Widerstand? Erschöpfung? Erleichterung?

Kopf zuletzt. Was denkt dein Verstand dazu? Was bewertet, analysiert, hinterfragt er?

Es gibt keine richtigen Antworten. Es gibt nur deine.

Woran hältst du gerade fest —
und weißt es vielleicht schon?

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